Mathematiker in der Softwareentwicklung – Erfahrungsbericht

Karriere-Ratgeber » Berufsbilder » Mathematiker in der Softwareentwicklung – Erfahrungsbericht

Meine akademische Laufbahn habe ich mit einem Physik- und Mathematikstudium begonnen. Nachdem ich in beiden Fächern mein Vordiplom gemacht habe, habe ich mich danach auf Mathematik konzentriert. In der Mathematik ging es dann mit dem Diplom und einer anschließenden Promotion im Bereich Analysis und partielle Differenzialgleichungen weiter. Mein erster Job nach der Uni war beim Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik, bei dem ich für zwei Jahre im Management tätig war und ein Dezernat des Rechenzentrums mitgeleitet habe. Seit zehn Jahren arbeite ich nun inzwischen als Software-Entwickler bei einer Firma, die geologische Software für die Ölindustrie entwickelt.

Bei uns am Standort sind zwei größere Gruppen tätig, die Entwickler und die Geologen. Unter den Entwicklern sind vorwiegend Physiker, Mathematiker und Informatiker, auch schon mal ein Geophysiker oder ein Ingenieur aus dem Bereich Maschinenbau. Die Geologen haben meist Geowissenschaften, Geologie oder Geophysik studiert. Sie stehen im Kundenkontakt und erklären und verkaufen die Software oder führen mit unserer Software Projekte für Kunden aus.

Anforderungen an einen Softwareentwickler

Softwareentwickler aus der MathematikAus dem Mathematik-Studium haben mir weniger direkte fachliche Qualifikationen geholfen, als vor allem die Fähigkeit Probleme analysieren und strukturieren zu können. Software-Entwickler sollten keine Angst haben, wenn sich ein Problem mal nicht innerhalb eines Tages lösen lässt. Tiefergehende Probleme mit einem gewissen Biss anzugehen, ist in meinem Job wichtig, das habe ich im Mathe-Studium, in der Diplom- und Doktorarbeit gelernt.

Daneben glaube ich, dass in meinem Job ein gewisses Gefühl für Ästhetik im weiteren Sinne wichtig ist. Das Schöne in Strukturen wie etwa einem Code zu erkennen und wertschätzen zu können, macht einen großen Teil der Freude aus, wenn man Neues im Rechner erschafft.

Dieser Sinn für Ästhetik ist in meinem Fall aber noch in anderer Hinsicht wichtig. Die Software, die ich in meinem Job programmiere, hat einen hohen graphischen Anteil und es macht Spaß die geologischen Modelle durch Raum und Zeit zu beobachten. Hilfreich für die Realisierung ist dabei nicht nur ein entsprechendes Vorstellungsvermögen, sondern auch ein Gefühl dafür, was aus einem graphisch-ästhetischen Blickwinkel „richtig“ ist.

Ein typischer Arbeitstag

Was einen typischen Arbeitstag in meinem Job angeht, verbringe ich diesen natürlich, von Besprechungen mal abgesehen, in der Regel vor dem Computer. Eine Software wird aber nicht unbedingt von Anfang an am Rechner entwickelt, häufig werden erste Konzepte zunächst einmal auf einem Blatt Papier erstellt. Diese kreativen Konzeptphasen finde ich immer besonders spannend.

In dieser Phase wird grob besprochen, wie das Ergebnis zum Schluss aussehen soll. Es  werden Vorschläge gesammelt und gesichtet, was bereits vorhanden ist. Als Team sitzt man zusammen und stimmt ab, wer welche Teile entwickelt. Neben diesen Besprechungs- und Projektierungsphasen sitzt ein Software-Entwickler im Job dann natürlich 80-90% vor dem Rechner.

Entwicklungsmöglichkeiten

Prinzipiell gibt es die Möglichkeit, als Software-Entwickler ins Management zu wechseln. Im technischen Bereich ist es möglich, Software-Architekt zu werden, wobei die Anzahl an Stellenangebote in diesem Bereich natürlich begrenzt ist. Daneben ermöglicht unser Unternehmen es Software-Entwicklern eine Fachkarriere anzustreben. Im Gegensatz zu einer Managementkarriere ist eine solche fachlich/wissenschaftliche Karriere nicht unmittelbar mit Personalverantwortung verbunden. Innerhalb von diversen Stufen (Senior, Principal, Advisor) übernimmt man dabei Abteilungs-, Projekt-, Center-übergreifend fachlich beratende Aufgaben.

Meine Aufgaben im Job haben sich über die Jahre immer wieder neu entwickelt. Als ich vor zehn Jahren angefangen habe, bestand mein Aufgabenfeld aus der reinen Softwareentwicklung. Im Laufe der Zeit habe ich immer mehr Aufgaben zentraler Art übernommen, also eher die Rolle eines Software-Architekten eingenommen. Für eine Phase von zwei bis drei Jahren habe ich ein Team geleitet und war mehr im Management tätig. Mittlerweile bin ich größtenteils wieder zur fachlichen Arbeit zurückgekehrt. Was ich also sagen möchte, ein Karriereweg ist vielfältig.

Erfolge die motivieren

Hin und wieder besteht die Chance etwas richtig Algorithmisches zu entwickeln, das finde ich dann immer ganz besonders reizvoll. Beispielsweise gab es für unsere geologische Software einmal die Aufgabe, Löcher in Karten zu ergänzen. Da steckt eine Art von Problemstellung hinter, die prinzipiell beliebig viele Lösungen hat, aber es müssen eben Heuristiken gefunden werden, um „natürliche“ Lösungen zu erzielen.

Dazu versucht man sich zunächst einmal einen Überblick mit Literatur- und Internetrecherche zu verschaffen. Man wählt und implementiert dann das, was einem unter den Gegebenheiten (Anforderungen bzgl. Inhalt, Performance und Projektdauer) für die Problemstellung am sinnvollsten erscheint.
Es ist ein schönes Gefühl, wenn am Ende nicht nur in einer Karte die Löcher gefüllt sind, sondern man etwas ausliefern kann, was anderen ermöglicht, dies zu tun.

In dieser Weise finde ich für mich selbst die Bestätigung in meinem Job, wenn ich nach einem Entwicklungszyklus auch wirklich etwas vor mir habe, das gut funktioniert und auch dem Kunden gefällt. Es erfreut mich meinen Teil zu einem Release beigetragen zu haben, und das Einzelprodukt oder die Architektur, für welche ich die Verantwortung übernommen hatte, reibungslos läuft.

Ich kann mich gleichermaßen für einen schönen, eleganten Code begeistern. Da gibt es große Unterschiede, oft kann das, was in komplizierten hunderten von Zeilen gemacht ist, in wenigen Zeilen geschrieben werden oder man kann gut angelegte Teile in Duzenden von Zusammenhängen wiederbenutzen. In diesem Zusammenhang sind die anderen Entwickler die Kunden und deren positive Resonanz motivierend.

Karrieretipps

Mein Rat an jeden, der sich für die Software-Entwicklung interessiert, ihr müsst im Job die Bereitschaft haben, euch die notwendigen Information und das Wissen selber zu beschaffen und anzueignen. Es wird letzten Endes eben sehr weit vorne gearbeitet, wo niemand erwarten kann, dass irgendjemand anderes sagt, wie es geht. Das muss schon jeder selber herausfinden.

Die fachliche Qualifikation ist längst nicht alles. Also: „Studieren Sie das, was Ihnen am besten gefällt!“ – Soll heißen, das wofür Sie sich begeistern und gerne Ihre Zeit investieren.

Es kam bei meiner Einstellung als Software-Entwickler nicht darauf an, was ich konkret in meinem Mathematikstudium für einen Schwerpunkt hatte, oder ob ich überhaupt Mathematik studiert habe. Was ich eher mit meinem Studium zeigen konnte, war, dass ich mich in technische Probleme gut hineinarbeiten kann und Spaß an solchen Problemen habe.

Daneben gab es einen Aspekt fern ab von den üblichen Hard-Skills, die wichtig für meine Einstellung waren. Eine Leidenschaft von mir ist das Malen und das Zeichnen. So konnte ich bei der Bewerbung zeigen, dass ich einen gewissen Draht zu graphischen Aspekten habe. Das hat mehr gewogen, als dass ich auf der Programmierseite damals nicht besonders viel Erfahrung hatte.

Erfolgsfaktoren:

  • Ein Studium der Informatik, Physik, Mathematik oder in einer Ingenieurwissenschaft
  • Strukturierte und analytische Arbeitsweise
  • Selbständiges Aneignen von Knowhow
  • Innovationsfreude und die Lust Neues zu Lernen
  • Teamfähigkeit

Sind Sie Mathematiker und möchten weitere Karrieremöglichkeiten kennen lernen? In diesen und vielen anderen Bereichen finden Sie Jobs bei jobvector