Naturwissenschaftler in der industriellen Forschung und Entwicklung: ein Erfahrungsbericht

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Bis zum Abitur habe ich zwischen der Entscheidung für Naturwissenschaften und Ingenieurwesen geschwankt und mich schließlich erstmal für Letzteres entschieden. Vor Studienbeginn habe ich ein Praktikum in einer Eisengießerei absolviert, das einen entscheidenden Einfluss auf meinen weiteren Werdegang hatte: Ich bemerkte, dass mich die physikalischen und chemischen Hintergründe der Eisengießerei noch mehr fasziniert haben, als die rein technischen. Danach begann ich ein Physikstudium. Anschließend promovierte ich im Bereich der physikalischen Chemie und begann danach direkt bei meinem jetzigen Arbeitgeber in der physikalisch-chemischen Forschung eines Großkonzerns zu arbeiten. In diesem bin ich heute als Teamleiter von 10 – 15 Personen tätig.

Das eigentliche Kerngebiet meiner Tätigkeit liegt im Bereich Research & Development (R&D) also „Neues zu finden“ für bestehende oder künftige Produkte. Ich achte stets durch das Studium aktueller Fachliteratur sowie durch Gespräche mit externen Partnern darauf, diesen Aspekt nicht zu vernachlässigen. Es verleiht mir große Befriedigung, wenn ich Marktprodukte sehe und sagen kann, da habe ich etwas zur Entwicklung beigesteuert. Darüber hinaus möchte ich Mechanismen verstehen, Wirkprinzipien durchschauen und neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse erzielen. Dies ist alles in meinem Beruf möglich.

Mein beruflicher Alltag – ein Netzwerk in alle Richtungen

Zusammengefasst geht es in meinem Berufsalltag um die Leitung eines Forschungsteams, um Projektleitung und um verschiedene Netzwerkfunktionen. Alltägliche Aufgaben beinhalten für mich in erster Linie viel Email-Kommunikation und die Team-Organisation in Meetings unterschiedlicher Zusammensetzung. Die Netzwerktätigkeit, sei es innerhalb des Teams, der Firma im Rahmen von Projektmeetings oder nach außen durch die Kommunikation mit Partnern aus dem akademischen Bereich und Zulieferern, stellt einen zentralen Aspekt meines Arbeitstages dar. Mit externen Partnern stehe ich vor allem im Rahmen von Research & Development – Projekten in Kontakt und bin in diesem Zusammenhang als Projektleiter und Organisator tätig.

Personen mit denen ich alltäglich zu tun habe, sind an erster Stelle natürlich die Mitglieder meines Teams. Dieses setzt sich zusammen aus Chemikern, Ingenieuren, Laboranten, sowie Praktikanten, Masterstudenten und Doktoranden aus den Naturwissenschaften. Abgesehen davon gibt es natürlich auch andere Kollegen aus der Forschung & Entwicklung sowie meinen Chef, denen ich im Arbeitsalltag begegne. Häufig treffe ich mich mit Kollegen aus anderen technischen Organisationseinheiten wie Produktentwicklung oder Verfahrenstechnik. Mit nicht technischen Organisationseinheiten habe ich eher weniger zu tun. So habe ich z.B. relativ wenig Kontakt mit Kollegen aus dem Marketing, weil die Produktentwicklung noch organisatorisch dazwischen geschaltet ist. Direkter Kontakt besteht in diesem Fall beispielsweise, wenn Forschungsinhalte mit den Notwendigkeiten des Marketings abgestimmt werden müssen. Auch hier ist Kommunikationstalent gefragt. Schließlich habe ich in Form von Gremien, welche ein paar mal jährlich stattfinden, auch noch regelmäßigen Kontakt zum Top-Management.

Soft Skills machen den Unterschied

Produktionsstrasse überwacht durch NaturwissenschaftlerWas wir tagtäglich machen stellt ein Crossover aus Forschung und Produktentwicklung im Bereich physikalische Chemie dar. Als fachliche Qualifikation stellt dabei die Promotion eher die „Pflicht“ dar, die Kür sind die persönlichen Eigenschaften, wie Kommunikationsfähigkeit, Teamfähigkeit, Flexibilität und Lernbereitschaft. Diese soft skills hören sich zunächst einmal an wie Allgemeinplätze aus Stellenanzeigen, aber sie sind tatsächlich äußerst wichtig. Ein analytischer Verstand, gutes Urteilsvermögen und Entschlossenheit sind weiterhin wertvolle Werkzeuge im Berufsleben. Das Wissen um die Wichtigkeit von soft skills, so wie es heute allgemein bekannt ist, hätte ich mir am Anfang meiner Karriere gewünscht.

Entwicklungspotential für Naturwissenschaftler

Mein Team hat u.A. auch die Funktion eines „Trainingscamps“, in dem sich viele Mitarbeiter auf Ihrem Posten zu anderen Stellen in der Organisation weiterentwickeln. Typischerweise sind das nach wie vor promovierte Naturwissenschaftler. Die fachlichen Qualifikationen, die an Kollegen aus der Produktentwicklung gestellt werden, sind häufig nicht so spezifisch, da sind auch manche ohne Promotion und auch Chemie-Ingenieure dabei. Im Bereich der horizontalen Entwicklung ist die Mobilität in meiner Firma relativ groß, wobei ich als fachlicher Experte eine gewollte Sonderrolle einnehme und meine derzeitige Position schon längere Zeit innehabe.. Es gibt dabei die Möglichkeit als Naturwissenschaftler auch in nicht-technische Positionen wie z.B. ins Marketing oder auch ins Controlling einzusteigen.

Neu ist manchmal doch besser

Besondere Momente entstehen, wenn es einem gelungen ist etwas völlig Neues zu erschließen, eine Innovation ins Visier zu nehmen, oder gar ein komplett neues Forschungsfeld zu eröffnen. Auch neue Partner zu gewinnen oder große Projekte mit vielen Partnern zu organisieren fällt in diese Kategorie. Davon abgesehen ist natürlich auch die eigene Positionierung nach einer betrieblichen Umorganisation eine Herausforderung. Das Tolle an meiner Arbeit ist, dass ich aus fachlicher Sicht meinen Traumjob gefunden habe. Ich habe einerseits noch die Möglichkeit mich fachlich auszutoben und kann meine wissenschaftlichen Kenntnisse und mein Denken in meine Arbeit einbringen. Auf der anderen Seite habe ich aber auch ein starkes Team hinter mir, befinde mich also zwischen fachlicher Tätigkeit und R&D-Management.

Naturwissenschaften – die beste Basis

Ein Studium der Naturwissenschaften eröffnet einem alle Möglichkeiten! Alle Optionen sind offen. Für eine Tätigkeit mit überwiegend naturwissenschaftlichem Aufgabenfeld ist das Studium der „reinen“ Naturwissenschaften eine ausgezeichnete Basis. Ich würde nie jemandem davon abraten. Man findet Naturwissenschaftler auch immer in wissenschaftsfernen Bereichen, daher sind Wirtschaftskenntnisse sehr nützlich, die man sich aber aus meiner Sicht auch neben dem Naturwissenschaftsstudium oder danach aneignen kann. Ich habe mir früher Vorlesungen zum Thema Wirtschaft und Marketing angehört. Später habe ich auch Fortbildungen im betriebswirtschaftlichen Bereich gemacht, vor allem um die Prinzipien auch in den wissenschaftlichen Bereich einfließen zu lassen. Verschiedene Auslandsaufenthalte zu absolvieren und in verschiedenen Unternehmensbereichen gearbeitet zu haben ist ebenfalls eine sehr wichtige Voraussetzungen für einen erfolgreichen Karriereweg.

Erfolgsfaktoren in der Großindustrie:

  • Kommunikationstalent
  • Lernbereitschaft
  • Flexibilität
  • Teamfähigkeit